Sa
11
Okt
2008
Goldener Oktober
Seit letztem Mittwoch bin ich jetzt offiziell Mitglied im Volleyballverein und werde, wenn es meine Arbeitszeit zulässt, auch an den Wochenenden mit
zu Spielen fahren, bin mal gespannt, ...
wie ich mich da so mache, denn noch verstehe ich die ganzen Spielzüge nicht allzu gut. In Frankreich braucht man eine Bescheinung vom Arzt, um in einem Verein Sport zu treiben und so suchte ich vorher noch einen Arzt auf und hoffte, dass die Untersuchung nicht allzu teuer werden würde. Wahrscheinlich hätte ich auf keinen besseren Arzt treffen können, er war nicht nur sehr nett, sondern fand es auch richtig gut, dass ich gleich zu Beginn meiner Zeit im Ausland Sport treibe und so schenkte er mir die Untersuchung.
Auch essenstechnisch durfte ich diese Woche mal wieder einige neue Speisen kennenlernen. Zuerst stand ein Steak auf dem Plan, was zuerst eine richtige Vorfreude auslöste, dann erinnerte ich mich aber an eine Lektion aus dem Französischbuch, die von sehr blutigen Steaks erzählte, im Normalfall absolut nicht mein Geschmack, aber ich wollte mich mal überraschen lassen. Natürlich hatte das Buch Recht und es gab ein Steak, das von außen sehr gut aussah, aber kaum aufgeschnitten, war mein Teller von Blut überschwemmt. Geschmacklich konnte man es natürlich essen, nur ein schön durch gegrilltes Steak ist mir dann doch lieber. Die zweite Neuerung war Niere, hatte ich bisher nie gegessen und stand auch nicht auf einer Liste mit Gerichten, die ich unbedingt hätte probieren müssen. Gwendal las wohl meine Gedanken und sagte mir sofort, ich könnte auch etwas anderes haben, er selber isst es auch nicht. Aber ich bin ja hier, um neue Erfahrungen zu sammeln und so versuchte ich auch, zuerst ganz vorsichtig, Niere. Stellte aber fest, dass sie sich geschmacklich nicht großartig von „normalem“ Fleisch unterscheidet und so aß ich eine ganz normale Portion.
Nach diesem Mittagessen musste ich noch einmal in die Bibliothek; um mein Buch zurückzugeben und bemerkte, dass die DVD Auswahl doch besser ist, als zu Beginn vermutet. So hab ich bisher schon „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Supersize Me“ und 2 französische Filme geschaut, für heute steht dann noch „Apocalypse now“ auf dem Plan. Gegen Abend kam uns Nina, die Praktikantin aus Lannion, noch einmal besuchen. Nach einer Runde Omelettes gingen wir schnell noch ein wenig Alkohol einkaufen und wurden dann zu meiner Überraschung von Gwendal in seine Wohnung eingeladen. Man gelangt über eine Wendeltreppe in einem alten Turm in ein bestimmt 4 Meter hohes, spitz zulaufendes Zimmer, in dem wir auch unseren Abend verbrachten. Gwendal erzählte uns von einer ca. 11900km langen Radtour durch Nordamerika, die er vor 3 Jahren machte und dann ließen wir den Abend mit einem kleinem „Konzert“ von ihm und Nina ausklingen. Gwendal spielte Banjo, Nina übernahm die Gitarre und sang.
Der nächste Tag begann leider viel zu früh, nämlich um 6.15 Uhr mit dem Klingeln meines Weckers; für mich stand Frühstücksdienst auf dem Plan. Zum Glück hatte ich schon um 12 Uhr Schluss und der restliche Tag verlief sehr ruhig. Ich saß lesend im Innenhof und genoss die immer noch warme Sonne. Abends im Accueil hatte ich eine ziemlich coole ICQ Session, was mir aber erst im Nachhinein auffiel. Ich schrieb gleichzeitig mit Leuten in Norwegen, Frankreich, Deutschland, USA, Ghana und Südafrika, ich war eigentlich fasziniert, wie problemlos die Kommunikation rund um die Erde doch möglich ist. Nur leider vergaß ich auf Grund der tollen Unterhaltung meine Wäsche im Garten. So konnte ich kurz vor Mitternacht noch einmal raus laufen. Natürlich hätte ich mir so das ganztägige trocknen auch sparen können.
Pléneuf-Val-André
Gestern, am 10. Oktober, stand dann also endlich meine lang geplante Radtour an. Ich wollte gerne nach Erquy, das wohl über einen tollen Strand verfügt, aber leider etwas weiter weg ist. Ich startete gegen 9.15 Uhr in noch sehr kühlem Wetter. Marcel hatte mich vorgewarnt, dass die Strecke vielleicht zu weit sei, weil sie sehr hügelig ist, ich war aber voller Tatendrang und machte mich trotzdem auf den Weg. Nach ca. 3O Minuten Fahrt verpasste ich eine Abzweigung und so irrte ich 30 Minuten lang durch irgendwelche Industriegebiete, bis ich endlich wieder auf dem richtigen Weg war. Ab jetzt war alles gut ausgeschildert und ich konnte mich quasi nicht mehr verfahren. Ich hatte mir scheinbar den perfekten Tag für meine Radtour ausgeschaut, denn es war weit und breit keine einzige Wolke zu sehen und die Sonne wärmte noch mal alles richtig auf. Ich kam an vielen Feldern, Wiesen und Bauernhöfen vorbei, fuhr aber auch durch Wälder, kleine Ortschaften und sogar direkt neben einer Staumauer entlang. Kurz vor Erquy entdeckte ich eine Apfelplantage und hielt an dem dazugehörigem Bauernhof, um mir eine Flasche Cidre direkt vom Erzeuger zu kaufen, ich freue mich zwar immer noch auf den Cidre, bereute aber gestern während der Fahrt meine Entscheidung, denn ich musste jetzt die ganze Zeit das zusätzliche Gewicht mit mir rumschleifen. Kurz bevor ich mein Ziel erreichte, bot sich mir ein wunderschöner Ausblick. Ich kam von einem Hügel aus auf die Ortschaft Erquy zugefahren, die in einer felsigen Bucht liegt, ein wirklich tolles Bild. Die ersten Bäume haben sich schon bunt gefärbt, die Felder leuchten gelb und der von der Sonne angestrahlte Ärmelkanal glitzerte blau und silbern. Ich kam genau um 12 Uhr am Strand von Erquy an und beschloss hier zu picknicken. Ich setze mich auf einen ca. 7 Meter hohen Felshaufen, links von mir ein kilometerlanger Sandstrand, rechts eine felsige, wenn auch nicht allzu hohe Steilküste und vor mir nur das Meer. Nach einer halben Stunde Rast schaute ich mir noch kurz die Innenstadt an, aber wegen der Mittagszeit hatten alle Geschäfte geschlossen und so trat ich den Rückweg an. Ich musste allerdings recht bald merken, dass die Strecke wohl doch noch etwas zu lang und hügelig für mich war, denn jeder Berg wurde zur Qual. In St. Brieuc angekommen kaufte ich mich mir erstmal eine Dose Orangina und nahm die restlichen 5km zur Herberge in Angriff. Kurz vor 16 Uhr stärkte ich mich dann in der Herbergsküche mit Bananen, Birnen und Schokolade (übrig gebliebenes Dessert vom Mittagessen) und legte mich noch ein wenig zum Musik hören in die Sonne. Um 19 Uhr checkte eine 50-köpfige Reisegruppe 14-jähriger Engländer in die Herberge ein, für die ich dann bis 22 Uhr kellnern durfte. Die Lehrer der Engländer brachten es tatsächlich fertig zum Abendessen keinen französischen Wein zu bestellen, sondern selbst mitgebrachten, australischen Wein zu trinken. Nach getaner Arbeit war ich froh endlich ins Bett zu kommen, denn die 80km lange Radtour hat dann doch ziemlich an meinen Kräften gezehrt. Vor dem Schlafengehen stellte ich allerdings noch leicht erfreut fest, dass ich es am 10. Oktober geschafft habe, mir einen Sonnenbrand zu holen, ja richtig gelesen, ich habe Sonnenbrand, viel besser kann man unser Wetter hier wohl nicht beschreiben.
1 Kommentar
-
#1
Huhu Lennart!
Ich liebe deine Reiseberichte! Scheint ja eine umwerfende Landschaft dort zu sein, teilweise;)
Du beschreibst alles so, als wenn man wirklich dabei gewesen wäre!
Und im Land der Tour de Francé ist man dann also auch echter Radprofi! Hut ab!
Lass es dir gut gehen! U viel Spaß mit dem Sonnenbrand ;) 
Degemer Mat! - Herzlich Willkommen!

