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So

14

Dez

2008

Zwischenbericht

Ich war im letzten Monat etwas faul, was die Pflege meiner Seite angeht, versuche jetzt aber wieder etwas häufiger zu bloggen. Vorerst gibt es einen Bericht für meine Organisation, in Zukunft auch wieder persönlichere Erfahrungs- und Reiseberichte. Morgen folgen dann schon einmal Fotos von meinem letztem Trip nach Nantes.

Als es so langsam auf Anfang Dezember zu ging, drehten sich die Gespräche fast automatisch um Weihnachten und die Vorweihnachtszeit und ich musste etwas betrübt feststellen, dass in Frankreich kein Advent gefeiert wird. Auch die typisch vorweihnachtliche Atmosphäre mit Kerzen, Adventskränzen und frisch gebackenen Plätzchen gibt es hier nicht. Da sich aber mittlerweile auch Weihnachtsmärkte in Frankreich durchsetzen dachte ich mir, warum nicht auch die Adventszeit und nutze einen freien Nachmittag, um im Wald eine Tanne zu suchen und aus deren Ästen einen Kranz zu basteln. Am Abend gab es dann allerdings einen leichten Dämpfer, denn Johannes, mein Vorgänger, hatte letztes Jahr zur Weihnachtszeit auch alles mit Kerzen ausgestaltet - in der Erinnerung meiner Kollegen blieben aber nur die schlechten Lichtverhältnisse. Mein Chef sagte darauf auch noch, dass die Feuergefahr zu groß sei und jetzt steht der Kranz zwar dekorativ, aber nie erleuchtet in meinem Zimmer.

A propos Zimmer, an meiner Wohnsituation hier hat sich einiges geändert. Mein Mitfreiwilliger Lenard ist Mitte November aus unserem gemeinsamen Zimmer ausgezogen und so hab ich jetzt ein 5-Personen-Zimmer für mich allein. Neben ein paar neuen Deko-Elementen habe ich mir aus Matratzen ein Sofa gebaut und im Keller der Herberge einen Ledersessel entdeckt, den ich benutzen darf, somit hab ich jetzt eine gemütliche Sitzecke, die stilmäßig aber durchaus ausbaufähig ist.

Jetzt im Winter scheinen sich die Aufgaben in der Herberge etwas zu ändern. Die Bretagne ist dann doch eher eine typische Sommerurlaubsregion und deswegen beherbergen wir im Moment nicht allzu viele Gäste, dafür haben wir umso mehr Gruppen die das Restaurant nutzen. Die vorletzte Woche war ich fast ausschließlich am Kellnern, leider zieht sich diese Arbeit oft länger hin, als im Plan vorgeschrieben, aber ich finde doch jedes Mal Gefallen daran. So einen Schicht beginnt fast immer mit einem gemeinsamen Essen und immer häufiger auch mit einem Apéro, bei dem es nie an Gesprächsthemen mangelt. Mittlerweile nehme ich auch schon immer öfter selbst aktiv an Gesprächen teil, irgendwann in den letzten Tagen hat es, was das Verstehen angeht, „klick“ gemacht. Wenn ich französische Bücher lese, kann ich richtig mitfiebern und es gab auch schon abendfüllende Gespräche mit Herbergsgästen. Irgendwie ein tolles Gefühl, wenn man merkt, dass man sich in einer fremden Sprache so einlebt. Einen kleinen Dämpfer bekomme ich dann meistens aber doch, wenn ich selber etwas kompliziertere Sätze konstruieren möchte, die Lücke zwischen verstehen und selber-sagen-können ist doch noch relativ groß.  

Aber zurück zu den Kellnerschichten. Nach unserem gemeinsamen Essen beginnt zwar die Arbeit, die aber durch das ständig laufende Radio sehr aufgelockert wird. Sobald jemand ein Lied kennt, das gerade läuft, fängt er an mitzusingen, was vor allem bei englischen Texten bei jedem ein Schmunzeln hervorruft, denn mit dem Englisch tun sich die Franzosen etwas schwer. Da mittlerweile schon die ersten Weihnachtsfeiern stattfinden, ist es immer wieder lustig, wenn man in dem Speisesaal kommt und alle Gäste auf den Stühlen stehen und irgendwelche Verrenkungen machen oder mitten während dem Essen singend die „Tanzfläche“ stürmen. Nach diesem Jahr kann ich mir vermutlich als Kellner während dem Studium etwas Geld hinzuverdienen, zumindest beim Käsegang schaffe ich es schon 5 Teller auf einmal an die Tische zu balancieren. Wenn es dann zum Dessert kommt, macht man noch mal ein Paar harte Minuten durch, ständig quält einen die Frage „Wie viele Kunden werden ihr Dessert nicht essen?“, denn wenn jeder zuschlägt, kann es durchaus vorkommen, dass für uns Kellner keins übrig bleibt und das wäre schon schade, denn die Desserts sind immer zu gut. Wenn dann alles abgewaschen und getrocknet ist, steht man noch ein paar Minuten zusammen bevor man sich dann bis zum nächsten Tag verabschiedet. Letzen Freitag hatte ich meinen bisher anstrengendsten Arbeitstag, insgesamt arbeitete ich 14,5 Stunden. Um Mitternacht kam dann unser Koch Marcel zu mir und sagte „Wir haben jetzt Mitternacht, du weißt, was das bedeutet?“ Ich überlege kurz, aber was er auf die Frage hören wollte, fiel mir nicht ein. Bevor ich dann irgendwas antworten konnte, trat schon ein breites Grinsen in sein Gesicht und er redete weiter, „wir nehmen jetzt einen weißen Kragen“ und er verschwand in die Speisekammer. Damit wusste ich genauso viel anzufangen wie mit der Frage zuvor, meine Kollegen fingen derweil an zu kichern, bevor Stéphanie mir zur Hilfe eilte und mir erklärte, dass wir zum Tagesabschluss noch ein Bier trinken. Jetzt musste auch ich lächeln, denn das Bier hatte am Flaschenhals ein weißes Etikett, daher auch der Name. Diese Szene ist irgendwie typisch für die Situation in der Küche, auch wenn man länger als vorgesehen arbeiten muss (für Stéphanie waren es heute 3 Stunden), ist keiner schlecht gelaunt und ärgert sich, dass er nicht seit 2 Stunden zu Hause ist, sondern jeder bleibt lustig und nimmt die Arbeit locker, so vergeht die Zeit auch einfach viel schneller und angenehmer.

Auch meine kleinen  Urlaubsreisen hab ich beibehalten, wenn auch nicht mehr in der gleichen Häufigkeit, denn in der Nähe habe ich so langsam das meiste, was mir empfohlen wird, besichtigt. So war ich die letzten 3 Tage zusammen mit Lenard in Nantes, wir besichtigten nicht nur die ehemalige Hauptstadt der Bretagne, sondern trafen uns auch mit 4 Studenten, die Anfang November in der Herberge von St Brieuc übernachteten. Nantes selbst ist eine wunderschöne Stadt, die dank ihrer Vielzahl an historischen Gebäuden und Denkmälern, Einkaufsmöglichkeiten und Kunstausstellungen ein richtiges Grossstadtflair verbreitet, zugleich liegt aber alles so nah beieinander, dass man es gut zu Fuß erlaufen kann. Durch die Uni wimmelt es in der Stadt von jungen Menschen und auch an einem Montag Abend sind fast alle Kneipen voll, einen Umstand den ich aus St Brieuc so nicht kenne. Abends waren wir dann mit einer Gruppe deutscher, andorranischer (?ß zumindest aus Andorra kommend ;-)), spanischer  und italienischer Studenten unterwegs. Eine super lustige Gruppe und auch das Sprachgewirr war einfach nett anzuhören, ständig wurde zwischen Spanisch, Italienisch, Deutsch und natürlich Französisch gewechselt. Wir waren erst im Kino, zum ersten Mal für mich überhaupt in Frankreich, denn bislang hab ich vergeblich nach Leuten gesucht, die mit mir ins Kino kommen und ließen den Abend dann erst bei Pizza (die Italiener hatten sich durchgesetzt) und anschließend bei belgischem Weißbier ausklingen. Das war auch wieder ein Erlebnis für sich, denn es wird mit Zitronenscheiben serviert und so hat man eigentlich die ganze Zeit nur Zitronengeschmack und nie Biergeschmack im Mund. Bevor sich unsere Wege wieder trennten, tauschten wir noch E-Mailadressen aus und vereinbarten uns noch öfter zu treffen und eventuell zusammen die Bretagne zu erkunden.

Meine nächste größere Reise führt mich allerdings nach Deutschland, Weihnachten und Silvester werde ich in der Heimat, bei Freunden und Familie verbringen.

Ich wünsche Euch eine schöne Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr.

Ganz Liebe Grüsse aus der Bretagne,

Lennart

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