Do
23
Apr
2009
Normandie
Ich lehne an der Theke und schaue zu wie das schwarze Guinness in mein Glas gelangt. Als die Bedienung sogar noch ein Kleeblatt in den cremigen Schaum zaubert huscht ein kurzes Grinsen über mein Gesicht, über die Kneipe hatte ich sogar mal einen eigenen Blogeintrag geschrieben - The Irish Pub O'Kenny.
Ja mein Blog, hier habe ich mich jetzt seit 2 Monaten nicht mehr wirklich gemeldet.
Durch Twitternachrichten gab es einen kurzen Überblick, aber eben keine Geschichte wie sonst gewohnt.
Woran lag es?
Mehrere Gründe!
Zu allererst meine Unlust die Zeit dafür aufzubringen, es nimmt doch immer etwas in Anspruch. Aber auch andere Gründe spielten noch eine Rolle. Vor allem meiner neuer Arbeitsplan. Ich arbeite mittlerweile ca. 10 Stunden pro Woche mehr als noch bei Gwendal und auch meine freien Tage hängen nicht mehr zusammen. Das macht das Reisen eben nicht mehr allzuleicht, sonst schließlich das Hauptthema meines Blogs. Meine freien Tage habe ich deswegen trotzdem nicht mich langweilend auf dem Zimmer verbracht (ok, einige wohl schon, wenn es in Strömen regnet ist man hier doch sehr eingeschlossen), sondern viele Radtouren in Angriff genommen. Aber das hat sich die letzte Woche geändert, meine "Wochenenden" liegen wie gesagt immer an anderen Tagen, diesmal so günstig, dass ich fast 5 Tage verreisen konnte, was ich natürlich sofort und zusammen mit Lenard machte.

Los ging es mit Dinan. Hier waren wir zwar beide schon 2 Mal und auch ihr könnt euch vielleicht noch an die Bilder aus dem letzten Herbst erinnern, aber das war auch keine Reise, um neue Seiten der Bretagne kennenzulernen, sondern ein Besuch. Mein ehemaliger Chef Gwendal hat 2 Monate frei gemacht und ist mit dem Rad durch Spanien und Marokko getourt und mittlerweile Chef in Dinan geworden. So nutzten wir den ersten Tag für eine kleine Wanderung die Rance entlang. Ein ziemlich cooler Wanderweg, der teils direkt am Wasser entlang führt, teils auf ca. 30 Meter Höhe ansteigt und so einen super Ausblick gewährt. Abends lud uns Gwendal noch zu Pizza und selbstgemachten Cidre in seine Wohnung ein. Wir redeten, tranken und zogen schließlich nochmal in die "Rue de la soif" um den Abend dort ausklingen zu lassen.

Der nächste Tag wartete mit super Wetter auf uns und so schnappten wir uns die Räder und es ging nach Dinard, eigentlich sollte es von dort aus weiter die Küste entlang gehen, aber dazu kamen wir nicht mehr. In Dinard war gerade ein riesiger Markt, wo wir erstmal eine Stunde drüber schlenderten, bevor wir uns etwas zu Essen holten. Die Bratwurst wird in der Bretagne nicht im Brötchen gereicht, sondern in ein Galette eingewickelt, sehr lustig, wenn man es das erste Mal sieht. Zum Nachtisch gab es wie immer super leckere französische Backwaren. Gut gesättigt flanierten wir an den Villengesäumten Strand, weswegen sich Dinard auch selbstbewusst "Monaco des Nordens" nennt. Hier taten wir es vielen anderen Leuten gleich und genossen Sonne und warme Temperaturen am Strand liegend.

Nach einer guten Stunde ging es dann doch noch ein Mal auf die Räder, ein wenig nach Westen, immer am Meer entlang. Wirklich weit kamen wir aber nicht, denn nach ca. 20 Minuten fahrt kamen wir an eine Ecke wo die Smaragdküste ihrem Namen wirklich alle Ehre macht. Smaragdgrünes Wasser ließ uns die Reder anschließen und einen kleinen Wanderweg entlang laufen. Dieser führte natürlich an den nächsten Strand, wo wir den restlichen Nachmittag verbrachten. Insgesamt wurde aus dieser Radtour also ein sehr gemütlicher Strandtag!

Den Abend fuhren wir dann mit der Bahn wieder nach St Brieuc, denn am nächstem Tag stand Zimmer putzen bis Mittags auf dem Arbeitsplan. Dies schnell gemacht, packten wir unsere Rucksäcke sofort wieder, denn es ging für beide weiter in die Normandie. Die freien Tage wollten gut genutzt werden. Dieser Trip war der vermutlich schlecht geplanteste, den ich hier bisher unternommen hab. Sonntags waren keine Busse unterwegs und unser Zug nach Bayeux fuhr schon in 30 Minuten, selbst in gutem Schritttempo brauch man bis zum Bahnhof eine Dreiviertelstunde. Also joggten wir mit Gepäck auf dem Rücken und ausgestrecktem Daumen in die Stadt, aber der Plan mit dem Innenstadttrampen wollte nicht funktionieren, also die ganze Strecke zu Fuß. Zum Glück hatten wir ein gutes Tempo eingeschlagen, denn am Bahnhof angelangt hatten wir sogar noch 5 Minuten zum Fahrkartenkauf - und los ging es in die Normandie.
Nach zugegeben ziemlich langer Zugfahrt (länger als nach Paris, nur Regionalbahnen zur Auswahl) kamen wir im Dunklen in Bayeux an. Was aber gar nicht verkehrt war. Bayeux, eine Stadt mit 12.000 Einwohnern hat kulturell unheimlich viel zu bieten. Unter anderem eine riesige Kathedrale die uns so von Strahlern angeleuchtet in Bayeux willkommen hieß. An der Herberge angekommen standen wir erstmal vor unlösbaren Problemen. Ich erwähnte schon, dass ich wenig geplant hat, nach dem späten Aufbruch zum Bahnhof, jetzt der nächste kurze Schockmoment. Wir hatten kein Zimmer reserviert, uns nicht bei der Auberge gemeldet und jetzt standen wir einfach vor verschlossen Türen. Ans Telefon ging Niemand, die Türen waren abgeschlossen, auch nach mehrmaligem benutzen der Notklingel kam keine Reaktion. Also irrten wir ein wenig durch Bayeux umher und schauten uns andere Hotels an, aber wenn man eigentlich kostelos übernachtet erscheinen einem 47 Euro für die Nacht ohne Frühstück doch sehr teuer. Also liefen wir ein wenig durch die kleinen Sträßchen und kehrten ziemlich verzweifelt zur Herberge zurück und siehe da - es saß jemand im Accueil. Es war mittlerweile zwar schon eher halb 12 und wahrscheinlich war die Rezeption nicht mehr geöffnet, aber nach bestimmtem Klopfen am Fenster wurde uns die Tür geöffnet und wir konnten noch einchecken. Gott sei Dank.
Von der Herberge selbst waren wir beide sehr positiv überrascht. très sympa. Ein netter kleiner Innenhof und jedes Zimmer liebevoll mit Bildern und Figuren dekoriert. Auch unser Schlafzimmer war weit über dem bekanntem Jugendherbsniveau mit richtigen Bettdecken, einem riesigem altem Holzschrank und sogar einer Schatztruhe, nur leider müssen unsere Vorgänger den Schatz schon mitgenommen haben. Nachdem der Schlafplatz jetzt geklärt war ging es erstmal in Bar, einen normannischen Cidre kosten. Es blieb bei einer Flasche, der bretonische ist mir lieber!
Das Frühstück am nächsten Morgen war dann noch weniger Jugendherbergsstil als schon die Zimmer. Neben den von uns gewohnten Brot/Baguette, Marmelade, Nougatcréme, verschiedenen Getränken und Joghurt gab es hier noch zusätzlich Croissants!!, Früchte, gekochte Eier, Smacks sowie Wurst und Käse. Also im Vergleich mit dem, was man sonst in Jugendherbergen bekommt, eine unheimliche Steigerung. Folglich sehr gut genährt ging es auf Entdeckungstour von Bayeux. Hier der nächste Punkt der schlechten Planung. Wir waren jetzt in einer normannischen Kleinstadt, aber was es hier gab, wussten wir beide nicht. Jean-Pierre hatte schonmal etwas von einem Teppich erzählt, also mal schauen. Dieser "Teppich" war doch recht leicht zu finden, frei nach dem Motto: "Alle Wege führen zur Tapisserie". Es war letztendlich auch kein einfacher Teppich sondern ein 70 Meter langer Wandteppich, auf dem vor 1000 Jahren die Geschichte Wilhelm des Eroberers gestickt wurde. Nebenbei darf sich dieses riesige Kunstwerk auch noch "UNESCO Weltkulturerbe" nennen. Nicht nur die Stickerei an sich war interessant, sondern das ganze Museum hat gute Arbeit geleistet. Man wird von einem Audioguide den Teppich entlang geführt und erfährt so auf amüsante Weise viel über das aus dem Englischunterricht bekannte "Battle of Hastings"

Nach so viel Geschichte stärkten wir uns erstmal mit einer echt leckeren Pizza Antlantique, die mit einer Thunfischcrème belegt war. Im Anschluss mein erstes Eis in Frankreich, ebenfalls eine Wohltat. In der Bretagne gibt es einfach keine Eisdielen, somit war dies hier nach 7 Monaten Abstinenz eine wahre Gaumenfreude. Um 14 Uhr schauten wir kurz im Office de Tourisme vorbei, mal schauen, was man hier noch so machen kann. Der Vormittag hatte uns beiden schonmal sehr gut gefallen. Um es vorwegzunehmen, der Nachmittag toppte den Vormittag noch einmal, einfach echt spannend gewesen! Aber gut, wo ging es hin. Die Frau im Touristenoffice erzählte mir, dass wir innerhalb von 20 Minuten mit einem Linienbus an Omaha Beach wären, dem Hauptlandungsstrand vom D-Day. Da wir beide geschichtlich interessiert waren, ging es da also hin, ich wollte es mir unbedingt anschauen.
Wir stiegen dort am amerikanischem Soldatenfriedhof aus, der an sich schon ein sehr spektakuläres Mahnmal neuerer Geschichte ist. Es erwarten einen knapp 10.000 Kreuze aus weißem Marmor, die sehr akkurat angeordnet sind. Zusätzlich gibt es noch Plätze für die bis heute Vermissten sowie für die gefundenen aber bis Heute nicht identifizierten. Die letzte Stunde zog es uns nochmal ins "Visitor Center". Am Eingang kam man sich erstmal wie an einem amerikanischem Flughafen vor: Alle Taschen lehren, Jacke aus, abgetastet werden, durchleutet werden, durch einen Metalldetektor gehen.
Überraschender Weise war ich weder mit Waffen noch mit Sprengstoffgürtel ausgestattet, also dufte ich passieren. Dieses VisitorCenter war ein sehr modernes und super gestaltetes Museum. Überall warteten Kurzfilme, Ausstellungen und Infotafeln auf den Besucher, die ihm nicht nur den D-Day, sondern den ganzen Verlauf des 2. Weltkrieges aus amerikanischer Sicht sehr übersichtlich und leicht verständlich erklärten. Wir hätten wohl beide weitaus mehr Zeit dort verbringen können, aber der letzte Bus fuhr und nahm uns mit nach Bayeux. Wir aßen noch einmal Lasagne und es wurde insgesamt ein sehr ruhiger Unser Abend war sehr ruhig, es war Montag und das ist vermutlich der schlechteste Tag um in Frankreich etwas in Städten zu unternehmen. Die Geschäfte sind geschlossen und die Bars machen es ihnen in den Abend- und Nachtstunden gleich.

Den nächsten Morgen stand dann Caen auf unserem Reiseplan. Wir begannen wie gestern den Tag mit einem sehr ausgiebigem Frühstück und los ging es zum Bahnhof, wo wir noch 45 Minuten die Sonne genossen, bis unser Zug los fuhr. In Caen angekommen liefen wir direkt zum Château Ducal, dem Schloss von Wilhelm dem Eroberer. Eine wirklich riesige Anlage, die die ganze Stadt überragt und einen sehr guten Ausblick auf die zahlreichen Kirchen Caens bietet. Wir flanierten noch ein wenig durch die Innenstadt, zugegeben eher ziellos und auch ein wenig lustlos. Solche Städte- und Erkundungstouren erschöpfen einen doch ziemlich.
Mittags kehrten wir in einem französischem Fastfoodrestaurant ein, shoppten im Anschluss ein wenig und genossen den Nachmittag mal wieder in der Sonne am Flussufer.
Die Rückfahrt sollte noch etwas nervenaufreibend werden. Um 16.13 Uhr sollte unser Zug nach Le Mans losfahren, weil die Franzosen aber so viel Spaß am Streiken haben, wurde daraus nichts. Die Demonstranten blockierten die Gleise nach Le Mans und Paris und somit kam weder ein Zug an noch verließ einer den Bahnhof. So verharrten wir ca. 2 Stunden auf dem Boden der überfüllten Wartehalle sitzend, bis plötzlich ein Zug nach Rennes angezeigt wurde. Zwar hatten wir für diesen kein Ticket, aber dir Richtung stimmte, also rein! Mal wieder Regionalbahn, mal wieder Aufenthalt in Rennes, 1,5 Stunden, die wir zum Abendessen nutzten. Gegen 23 Uhr traf ich dann endlich wieder in der Herberge ein, wo mich auch gleich die nächste Überraschung erwartete. Nicht irgendeine, sondern für mich eine sehr krasse.
Es stank ziemlich stark vor meiner Zimmertür, dort befinden sich in einem Gang mehrere Wandschränke, da ich aber wegen des Trips ziemlich fertig war, sagte ich mir, kümmern sich morgen bestimmt meine Kollegen drum, die putzen im Plan haben, ich nutze die Schränke ja eh nicht richtig. So ging ich dann auch gleich schlafen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit war der Geruch oder besser Gestank nicht verschwunden, aber ich war spät dran, also weiter gehofft, dass sich noch jemand drum kümmert - war natürlich nicht der Fall.
Also nach der Arbeit riskierte ich mal einen Blick in den Wandschrank, denn ich war mir ziemlich sicher, dass der Geruch daher kam. Beim Öffnen der Tür bekam ich einen riesigen Schreck, unter den Decken, die dort für Gäste lagern, bewegte sich etwas, richtig gross. Da ich wegen des Geruchs auf ein Tier tippte, schlug ich die Tür erstmal zu und überlegte, was ich mit einem ca. Schäferhundgrossem Geschöpf in meinem Wandschrank anfange. Im Flur ist es ziemlich dunkel, im Schrank noch weniger Licht, also ging es erstmal auf die Suche nach einer Taschenlampe. Auf dem Weg traf ich meinen Chef, dem ich von einem riesigem Viech in meinem Schrank erzählte, woraufhin er mit mir kam. Jetzt öffneten wir zu zweit den Schrank und: Nichts mehr da.
Aber auch mein Chef roch etwas, meinte aber es seien menschliche Füsse und keine Tiere. Die anderen Kollegen machten sich schon ein wenig lustig von wegen "Jetzt sieht Lennart Sachen, die gar nicht da sind".
Aber wir öffneten die weiteren Schränke und siehe da, im letzten Schrank ein Treffer, aber was. Vor mir sass zusammengekauert ein Mensch in meinem Alter. Nach einer kurzen Periode von Sprachlosigkeit kam von meinem Chef ein "Was machst du hier" und seine Antwort war das eigentlich krasse. Er ist obdachlos, weiss nicht wo er hinsoll und ein Freund schläft schon seit Monaten hier und hat ihn jetzt mal mitgenommen. Ich hatte also den kompletten Winter Obachlose Jugendliche in meinem Schrank liegen!!!
Die Franzosen widmeten der ganzen Situation mal wieder nur ein paar Worte (trauriges Frankreich) denn das Witze darüber reissen war erstmal wichtiger. Nach den Aufräum- und Säuberungsaktionen war für den Rest die Sache geklärt, Lenard und ich sollten aber noch ein paar Tage ein Gesprächsthema haben.
Dieser Artikel kommt auch mit leichter Verspätung, ich habe gerade eine super Woche in Stuttgart und Paris hinter mir und hoffe auch dazu etwas zu schreiben
Degemer Mat! - Herzlich Willkommen!


